Albrecht Dürer - Melencholia I
ein faustisches Bild ikonographischer Mehrdeutigkeit
Der Kupferstich des 43-jährigen Dürer stellt eine Allegorie der Melancholie
dar. So steht es zumindest auf dem Spruchband unter den Flügeln der
Fledermaus. Diese Zuordnung ist aber nicht eindeutig, wie eine Unzahl
von Interpretationen wohlgesinnter Rezensenten nahelegt. Das Werk gilt
als eines der rätselhaftesten Dürers und zeichnet sich wie viele seiner
Werke durch eine komplexe Ikonographie und Symbolik aus. Der
Meister hat leider nichts Schriftliches zu seiner Melencolia I hinterlassen,
um seine wirklichen Absichten dahinter zu erläutern.
Die Schwierigkeiten der Interpretation beginnen schon mit der
personifizierten Melancholie in der Gestalt des geflügelten weiblichen
Genius. Sie sitzt vor einem Gebäude, den Kopf in die Hand gestützt, und
hält einen Zirkel in der Hand. Symbolisiert letzterer ein Werkzeug der
Geometrie, also eine der sieben freien Künste, die dem künstlerischen
Schöpfungsprozess zugrunde liegen? Oder soll es ein Attribut der
Astronomie sein? Außer dem Zirkel sind der Figur ja noch weitere nicht
zur Melancholie gehörenden Objekte beigegeben, wie Richtscheit, Waage,
Hammer, Hobel, Säge etc. Dies führte manche Interpreten dazu zwei
Allegorien zu vermuten, eine der Melancholie und eine der Geometrie
(letztere wurde teils in Verbindung mit der Astronomie und auch mit der
Baukunst gesehen).
Vor der geflügelten Figur liegt ein schlafender Jagdhund zwischen einer
Kugel und einem großen Polyeder, und dahinter ein Schmelztiegel, eine
Referenz zur Alchimie? Am Gebäude angelehnt ist eine Leiter, und an
einer Wand befestigt eine Waage, eine Sanduhr, eine Glocke und ein
"magisches" Zahlenquadrat. "Magisch" deswegen weil die Quersumme
aller Reihen, Spalten, Diagonalen, Quadranten und Ecken jeweils 34
ergeben. Auch die vier Eckfelder und die vier Felder in der Mitte ergeben
diese Summe. Das Quadrat zeigt noch andere Symmetrieeigenschaften,
die jedoch von Rezensenten nicht berücksichtigt wurden. In der unteren
Zahlenreihe erscheint außerdem die Jahreszahl des Stichs, 1514.
Interessant ist auch dass Dürer in der zweiten Zahlenreihe eine 6 zu einer
5 korrigiert hat. Hatte er sich etwa geirrt?
Und dann der dickliche Putto auf dem Mühlstein neben der Hauptfigur.
Er hat sich eine Decke auf den Stein gelegt, um es bequemer zu haben
und schreibt oder zeichnet (die Interpreten sind sich hier nicht einig) auf
einer Tafel. Verwunderlich ist, dass einer seiner Flügel von der Leiter
abgedeckt ist, obwohl er an der Seite des Gemäuers sitzt, während die
Leiter von hinten angelehnt ist. Hat der Meister bei der Ausführung also
in der extremen Nahsicht beim Stechen die räumlichen Verhältnisse
aus den Augen verloren oder gibt er uns verschmitzt eine optische
Täuschung zum besten, so wie hunderte Jahre später M.C. Escher? Bei
einer Blattgrösse von 24 × 19 cm ist der Dürers Stich jedenfalls eine
Ziselierleistung höchster Auflösung mit unzähligen Grautönen.
Mathematik
Schliesslich noch zur oben erwähnten Fledermaus. Wenn man genau
hinsieht ist es keine, denn ihre Flügel sind nicht aus Häuten gemacht
sondern aus Fell. Hier handelt es sich eher um einen Tierbalg der - im
Hinblick auf den gekringelten Schwanz - nur als Fabelwesen interpretiert
werden kann. Und was bedeutet die römische Zahl "I" hinter der
Aufschrift Melencholia? Es wäre nicht das erste Zeichenrätsel Dürers.
Man denke nur an die Buchstabenfolge "OGH" auf der Frucht über den
Köpfen seiner "Vier nackten Frauen" (1497). Mit der römischen "I" in
Melencolia fügt er hier eine weitere harte Nuss hinzu.
Einig sind sich Kunsthistoriker jedenfalls darüber dass die Symbolik der
zahlreichen Gegenstände in Melencolia I vielschichtig ist, und das Werk
als ein spirituelles Selbstportrait eines nach Erkenntnis strebenden
Künstlers aufgefasst werden kann. Im gewissen Sinne also ein faustisches
Bild das an Rodins "Denker" erinnert.
Vielleicht stimmt das alles aber nicht, und Dürer hatte lediglich Freude
am ziselieren von rätselhaften Details.
Blätter der Melencholia I gibt es auch woanders zu sehen, etwa in der
Staatsgalerie Stuttgart und der Kunsthalle Karlsruhe, und Gemälde
betitelt "Melancholie" (mit "a") wurden später auch von anderen
Künstlern geschaffen, wie Lucas Cranach d. Ä. (1532) und Edvard Munch
(1894).
KY 2019
Vier nackte Frauen