Cranach - Hieronymus in der Einöde
Man taucht ein in eine Zeit, in der es Naturwissenschaft im heutigen Sinn noch nicht
gab, in der aber die mittelalterliche Gedankenwelt der Symbole bereits im Verblassen
war. Beim Schmökern erfährt man etwa, dass es schon damals ausführliche
Naturkundebücher gab, aus denen Cranach so manches dargestellte Wesen
entnommen hat. Seine Zeitgenossen haben sicherlich auch noch deren Symbolik
gekannt: Akelei und Erdbeere z. B. galten als Demutspflanzen, die Eidechse stand für
die Sündhaftigkeit, Schmetterlinge waren Symbole für die Seele und ihre Erlösung
usw.
Man kann in dem Bild auch der Faszination exotischer Tiere in der frühen Neuzeit
nachspüren –konkret in Form eines Graupapageis im Geäst einer Tanne. Überdies
steht die Szenerie um den heiligen Hieronymus für einen grundlegenden Wandel der
Naturauffassung: Während im Mittelalter der Wald noch als beängstigende Wildnis
galt, verblasst diese Konnotation zusehends und weicht einer positiveren Faszination
–wodurch der Weg zur heutigen Romantisierung der Natur geebnet wird.
Es ist schon erstaunlich, was sich alles –mit kundiger Anleitung –aus einem auf den
ersten Blick unscheinbaren Bild herauslesen lässt. Genau hinschauen lohnt sich
jedenfalls!