Marc Chagall -Le cerf volant (Der Papierdrachen)
1926, Gouache auf Papier 50x 65 cm Signiert u. datiert Albertina Wien
Schon während seines ersten Aufenthaltes in Paris von 1910 bis 1914 malte Chagall Bilder,
zumeist verklärte Erinnerungen an seine weißrussische Heimat. Grund für diese sein frühes
Oeuvres durchziehende Thematik war nicht so sehr Heimweh, sondern der stark ausgeprägte
Gedanke, daß Dinge, besonders wenn sie vergangen sind, nur in der Erinnerung weiterleben
können. Diese retrospektive Eigenart prägte auch die Jiddische Literatur dieser Zeit, zu der
Chagalls Frau Bella mit ihren beiden posthum erschienenen, in Jiddisch verfaßten Büchern
Brennende Lichter und Erste Begegnung einen wichtigen Beitrag lieferte. 1935 hatten die Chagalls
die Städte Wilna und Warschau, natürlich auch das jüdische Ghetto, besucht und waren über die
Veränderungen sowie den zunehmenden Antisemitismus entsetzt.
Bella schrieb in Brennende Lichter angesichts dieses Verlustes: ”Aber wie soll ich diese
Augenblicke wieder ins Dasein zurückrufen? Mein Gott, es ist so schwer, aus vertrockneten
Erinnerungen ein Stück vergangenen Lebens aufblühen zu lassen. Aber ich will nicht, daß meine
Erinnerungen erlöschen und mit mir sterben. Ich möchte sie retten.” Chagall rettete die
Erinnerungen mit dem Pinsel. Wie auf Le cerf volant, welches 1926 entstanden ist, zu sehen, liegt
ein junger Mann auf dem Dach eines Stalls, rot gekleidet und mit auffällig gelbem Hut. Er hält an
einer langen Schnur einen Drachen, der fern in der Luft wie ein Vogel am Himmel schwebt. Unter
ihm bemerkt man den behüteten Kreis verschiedener Tiere und Pflanzen. Jenseits der
Eingrenzung gewahrt man eine feucht-windige Landschaft, weit auseinanderstehende bäuerliche
Häuser mit tief liegenden Dächern sowie Menschen, die ihren alltäglichen Geschäften
nachgehen. Ein solches Bild Rußlands, das an Gontscharows Roman vom Faulpelz Oblomow
erinnern könnte, hätte 1926 in der Sowjet-Union nicht gemalt werden dürfen. Mit sozialistischen
Tugenden, der Verherrlichung der Werktätigen, hat dieses Werk nichts zu tun. Im Gegenteil, es
zeigt den freien und spielenden Menschen, der Muße hat, seinen Drachen so steigen zu lassen,
wie er vielleicht seinen Tagträumen nachgeht. Es handelt sich letztlich um ein Porträt Chagalls,
wie er sich in Witebsk einst als junger Künstler gefühlt hatte.