Marc Chagall - Maternite
1914 Öl auf Papier (auf Karton aufgezogen) 48,5 x 36,5 cm Signiert u.
datiert, Albertina Wien
Angeregt von seinem Lehrer Leon Bakst und mit Hilfe eines privaten Stipendiums
reiste der 23- jährige Chagall von St. Petersburg nach Paris, direkt ”ins Herz der
modernen französischen Malerei”. Anfangs hatte er große Schwierigkeiten sich
zurechtzufinden, wurde auch von Heimweh geplagt, so sehr, daß nur die weite
Entfernung eine Abreise verhinderte. Er schloß sich keiner der Akademien an,
ebensowenig bestimmten Künstlerzirkeln. Für Chagall waren bestimmend die
Museen, die Auslagen der Kunsthändler und die Ausstellungen der Salons. Von
den Stilrichtungen, die damals die Kunstwelt von Paris beherrschten, hielt er nicht
viel. Rückblickend schrieb er in seiner Autobiographie: ”Und ich dachte: ”Nieder
mit dem Naturalismus, dem Impressionismus und dem realistischen Kubismus!”
Sie machen mich traurig und verkrampft. Die ganzen Fragen –Volumen,
Perspektive, Cézanne, die Negerplastik –werden wieder aufs Tapet gebracht.
Wohin gehen wir? Was ist das für eine Epoche, die Hymnen auf die Technik singt
und die den Formalismus vergöttlicht? Es lebe der Wahn! Ein Bad der Sühne. Eine
Revolution von Grund auf, nicht bloß an der Oberfläche. Nennt mich nicht einen
Phantasten. Im Gegenteil, ich bin Realist. Ich liebe die Erde.” Eine Merkwürdigkeit
wird Chagalls Bild Maternité gewesen sein, als es 1914 noch in Paris im ’Salon des
Independants’ ausgestellt wurde. Es zeigt eine schöne junge Frau, fast nackt, nur
mit einer weißen, mit Spitze gesäumten Stola um die Schultern, die ihrem kleinen
Kind, einem Buben, die Brust zum Trinken gibt. Wie schon im Titel anklingt, geht
es nicht um eine bestimmte Mutter - es handelt sich um kein Portrait, es geht um
die Mutterschaft –ein Abstraktum. Es ist in so zarten Farben von Rosa und
Hellblau gemalt, gleich dem Duft von Veilchen. Chagall zeigt die Reinheit,
Zärtlichkeit und Schönheit einer Mutter, die Mutterschaft als etwas Heiliges und
Verehrenswürdiges. Um Welten ist er entfernt von Frauendarstellungen der
Fauvisten, etwa van Dongens! Man begreift Chagalls Wort: ”Kunst scheint mir vor
allem ein Seelenzustand zu sein”.