Marc Chagall - La dormeuse aux fleurs
1972, Öl auf Leinwand 146 x 118 cm Signiert, Albertina Wien
Eines der zentralen Themen des Alterswerks von Chagall war die Hommage an
seine zweite Heimat: Frankreich. Viele derjenigen Künstler, die vor dem Krieg in
Paris gelebt hatten, waren in Südfrankreich endgültig seßhaft geworden, etwa
Picasso oder Matisse, wie Chagall in der Nähe von Nizza. Paris als Kunstmetropole
hatte durch den Weltkrieg bedingten Exodus der Künstler sehr stark an Attraktivität
verloren. Es nimmt daher nicht wunder, wenn Chagall gerade das Paris der
zwanziger und dreißiger Jahre, in denen sich sein Weltruhm begründet hatte, in
zahlreichen Werken wie zuvor Witebsk - in Erinnerung rief, wie in den Bildern Le
Quai de Bercy (Basel), die Seinebrücken (Hamburg) bis hin zu ganz späten Werken
wie Liebespaar vor rotem Hintergrund von 1983. Oft sind die Blicke über Paris mit
Szenen von persönlichen Glück oder berauschenden Blumensträuße assoziiert. In
zunehmendem Maße rückt auch sein neues Lebens- und Arbeitszentrum an der
Cote d’Azur in den Mittelpunkt. Dazu gehört auch das Bild La dormeuse aux fleurs.
Motive wie hier zu sehen, wiederholen sich zwar bei Chagall des öfteren: der bunte
Blumenstrauß, die schlafende Frau, eine landschaftlich anmutige Stadt, die rote
Sonne oder die Umarmung von Mensch und Tier. Sie werden aber immer wieder
anders ausgestaltet, zu neuen Bildern arrangiert und mit einem dominanten
farblichen Grundton versehen. So wird die intime Bedeutung eines Ortes in immer
differenzierteren Facetten erkennbar. Die schlafende Frau, im Gras einer Anhöhe
geborgen, das duftend-leuchtende Bouquet, die aufgehende Sonne und die
Umarmung der Kreaturen werden träumerisch assoziiert mit dem Bild des im
Sonnenrot glänzenden Städtchens St-Paul-de-Vence. All dies ist eingehüllt in ein
berückendes Blau, Nächtlichkeit, Frieden und Glück evozierend. So lassen sich Titel
und Darstellung auch auf Saint Paul als einer ”Schläferin in den Blumen” beziehen:
Ein bezauberndes Zeugnis von Chagalls Liebe zu seiner französischen Heimat, die
ihm wie ein Paradies erschien.