Paul Cézanne Le garçon au gilet rouge
Von der Notwendigkeit nicht-getreuer Wiedergaben
Unter den vier Portraitversionen von Cézannes Knaben
mit der roten Weste ist dieses eindeutig das
ansprechendste. Das Bild gelangte über den
Kunsthändler Vollard und diverse Kunstsammler 1948 in
den Besitz von Emil Bührle, Schweizer Waffenfabrikant
und Kunstmäzen (18901956), und ist seit 1960 Teil
der Foundation E.G. Bührle Zurich.
Dass der Arm des Jungen disproportional und sein
rechtes Ohr zu groß erscheint, ist sekundär. Solche
künstlerischen Freiheiten zu Gunsten der Ästhetik oder
des gewünschten Gesichtsausdrucks zeichnen gerade
große Künstler aus, man denke nur an den überlangen
Rücken von Ingres Grande Odalisque. Wichtiger als eine
getreue Abbildung des italienischen Jungen war
Cézanne offenbar sein Geistesausdruck, mit dem etwas
verlorenen Blick und seiner nüchternen und fast
desillusionierten (enttäuschten) Mine.
Ingres La Grande Odalisque
Das Gemälde gelangte 2008 in die Schlagzeilen als es
in Zürich unter Waffengewalt mit drei anderen
Meisterwerken geraubt wurde. Im Gegensatz zu Van
Goghs Blühende Kastanienzweige tauchte es erst
2012 wieder auf (in Belgrad) und kehrte leicht
beschädigt zurück. Dass für das Bild ein Lösegeld
bezahlt wurde - man spricht von 3 Mio. Frs, ist
wahrscheinlich, aber nicht erwiesen. Dieses
sogenannte «Artnapping» ist eine Möglichkeit für
Kunstdiebe, auch extrem berühmte und dadurch
unverkäufliche Gemälde zu Geld zu machen. Der
damalige Schätzwert des Gemäldes betrug 80 Mio €.
Bührle-Kunstraub