Bellini - Prozession auf der Piazza San Marco
Gentile nahm als erster den Auftrag am 16. März 1496 an, begann mit den Arbeiten am 25. April 1496 und lieferte das
fertige Bild laut einem Bericht aus dem Jahr 1590 bereits schon zum Fest der Kreuzerhöhung am 3. Mai 1497 in der
Scuola Grandi ab. Woher wir das alles wissen? Der Kontrakt zwischen der Scuola und Bellinis Werkstatt wurde am 14.
Oktober 1956 durch Zufall in den Archiven von Venedig gefunden. Als Thema hatte Gentile sich für ein Ereignis rund 50
Jahre zuvor entschieden, und zwar erzählt Bellinis Gemälde das Reliquienwunder welches sich während der Prozession
zu Ehren des Stadtpatrons am 25. April 1444 am Markusplatz ereignete. Um aber diese Szene mit Leben zu erfüllen und
vor allem den Bezug zur damaligen Gegenwart herzustellen, hat Bellini sich ganz einfach die Prozession mit dem Heiligen
Kreuz von 1496 zum Vorbild genommen. Gentiles Beobachtungsgabe und seine naturgetreue Wiedergabe lassen so ein
ziemlich wahrheitsgetreues Bild der Zeit des ausgehenden 15. Jahrhunderts entstehen. Es ist ausserdem seine
beobachtende Distanz zu den Menschen welche es überhaupt erst möglich macht die große Anzahl von Figuren
symmetrisch anzuordnen und quasi frei von Emotionen damit faktisch fast schon ein dokumentarisches Abbild der
Ereignisse zu geben. Sehen wir uns das Bild doch mal etwas genauer an.
Frontal in der Bildmitte steht die Kirche San Marco, über deren Portalen noch die im venezianisch byzantinischen Stil
gehaltenen mittelalterlichen Mosaiken zu sehen sind, welche jetzt nur noch über der linken Tür prangen. Der Platz wird
rechts und links durch Gebäude abgeschlossen, wie sie um 1496 vorhanden waren. Und zwar links die Procurazie
Vecchie, die Tone dell'Orologio, die Vorhalle der Kirche San Basso und der Ospizio Orseolo. Letzteres hilft auch wieder
bei der genauen Datierung des Gemäldes, denn es wurde Mitte 1497 abgerissen, um Platz für den neuen Procuratie
Jacopo Sansovino zu machen. Da sie auf dem Bild aber noch zu sehen ist muss es logischerweise davor entstanden sein.
Wohingegen rechts auf der Leinwand neben der Markuskirche ein Teil des Dogenpalastes, der Glockenturm und die alte
Procuratie auszumachen sind. Diese zeigt hier übrigens noch das Aussehen vor ihrem Umbau im sechzehnten
Jahrhundert. Übrigens war der Platz damals noch mit Terrakotta gepflastert, die Abdeckung mit Marmor ist erst im Jahre
1723 erfolgt.
Im Vordergrund tragen vier Mitglieder der Bruderschaft San Giovanni das Reliquiar, welches wie gesagt ein Kreuzpartikel
als die wichtigste Reliquie der Bruderschaft enthielt. Weitere vier Mitglieder halten einen Baldachin über das Reliquiar
und weitere Personen, vermutlich ebenfalls Mitglieder der Scuola, tragen Prozessionskerzen vorweg oder folgen dem
Baldachin. Vor der Scuola San Giovanni befindet sich eine Gruppe von Sängern und Instrumentalisten, die der Historiker
Francesco Luisi vor 20 Jahren als Chor der Scuola San Marco identifizierte. 14 weitere Mitglieder dieser Bruderschaft
ziehen auf der linken Seite des Platzes entlang, während rechts der Zug des Dogen mit der Signoria auftaucht.
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