Miguel Barceló Deckengemälde des UNO-
Sitzungssaals des Menschenrechtsrats
Gescheiterte Vereinnahmung eines Kunstwerks durch die Politik
UNO Genf
Die Restaurierung der Kuppeldecke dieses Saals war das Werk von
Titanen. Im Jahre 2008 ließ der Mallorquiner Künstler Miguel Barceló
auf die 1400 m2 große Decke mehreren Farbschichten mittels
Kompressoren so lange aufsprühen bis sich Stalaktite bildeten. Das
benötigte 35'000 kg Farbe und 20 Assistenten, darunter einen Koch (für
Barceló), einen Masseur und einen Höhlenexperten. Die Pigmente
kamen aus der ganzen Welt, darunter hunderte Kilo des sündteuren
Lapislazuli, um damit die Allianz der Zivilisationen, und interkulturelles
Verständnis zu symbolisieren. Es ist vermutlich das grösste Fresko dieser
Art weltweit, und wurde von Politikern überschwänglich als "Sixtinische
Kapelle des 21. Jahrhunderts" gefeiert.
Dreißig Millionen Franken kostete der Spaß, ausschließlich finanziert
von Spanien. Sechzig Prozent der Kosten trugen Grosskonzerne wie
Repsol, Telefonica, la Caixa oder die Santander Bank, und vierzig Prozent
der spanische Staat. Dieser zapfte dafür auch sein Budget für
Entwicklungshilfe an, was geharnischte Proteste hervorrief. Insgesamt
ging die "Kapelle" als das grösste Geschenk eines Staates in die
Geschichte der Vereinten Nationen ein.
Barceló meinte bei der Einweihung: "Die Höhle dient als Metapher für
die Agora, wo sich erstmals die Menschen zum Gespräch trafen, der
grosse afrikanische Baum, unter dem man sitzt und palavert, und für
die einzig mögliche Zukunft : Dialog und Menschenrechte." Das Meer
symbolisiere die Vergangenheit, den Ursprung der Arten und das
Versprechen einer neuen Zukunft, durch Auswanderung und Reisen.
Schöne Worte.
Das Projekt wurde 2006 vom spanischen König angeregt und
zusammen vom spanischen Regierungschef Zapatero und dem
türkischen Machthaber Erdogan mit der Erklärung unterstützt "den
Dialog zwischen dem Westen und der islamischen Welt zu
erleichtern".
Ein Beispiel der Vereinnahmung eines Kunstwerks durch die Politik.
Das war schon immer so. Die Frage die sich heute (2022) nach 14
Jahren Benützung stellt ist: hat der Saal und sein Kunstwerk den
Dialog zwischen dem Westen und der islamischen Welt wirklich
erleichtert? Viele zweifeln daran. Die Menschenrechte wurden noch
nie so oft verletzt wie in den letzten Jahren.
Man kann nur hoffen dass sich das ändert, und dass die Stalaktiten
bis zur nächsten Restauration halten.