Banksy Balloongirl
wie ein zerstörtes Kunstwerk an Wert gewinnt
Humor hat er, der Banksy. Kurz nach dem Zuschlag von 1,2 Mio. € für sein Girl
With Balloon bei einer Sotheby's Auktion in London zerstörte der anonyme
Street-Art-Künstler sein eigenes Bild. Das geschah durch einen im
Bilderrahmen versteckten Schredder, der sofort nach dem Hammerschlag
anlief, und erst stoppte als ein Teil des Werks in dünnen Streifen aus dem
unteren Teil des Rahmens hing. Die Auktionsbesucher waren erschüttert.
Noch im Saal erreichte sie ein Tweet Banksys mit ihrem eigenen Photo und
dem des zerstörten Bildes, und dem ironischen Kommentar: "Zum ersten,
zum zweiten, zum dritten.... Was Banksy damit bezweckte ist klar: die
Superiorität des künstlerischen über den kommerziellen Aktes zu zeigen. Der
eine kann die Ware vernichten, der andere nicht.
Die Käuferin übernahm das Bild trotzdem und überließ es als Dauerleihgabe
der Staatsgalerie Stuttgart. Es hatte durch die Aktion offensichtlich an Wert
gewonnen. Die Genialität der Aktion lag weniger darin den Schredder in Gang
gesetzt zu haben, sondern ihn im richtigen Moment gestoppt zu haben.
Damit kann das Bild weiterhin als Zeugnis einer im Auktionsbetrieb
beispiellosen Aktion aufgehängt werden, was mit den Papierschnitzeln eines
völlig zerschredderten Bildes nicht möglich gewesen wäre.
vorher
nachher
Seither heißt die Arbeit "Love is in the Bin" und man spricht bei
Wertsteigerungen von teilweise zerstörten Kunstwerken von
einem "Banksy-Effekt". Ob sich dieser auch beim teuersten
Gemälde der Welt, Leonardo da Vincis "Salvator Mundi",
einstellen würde, oder bei Klimts Kuss ?
Banksys Aktion war nicht die erste dieser Art, die in die
Kunstgeschichte einging. Im Jahre 1960 inszenierte Jean Tinguely
im Skulpturengarten des Museum of Modern Art seine öffentliche
Homage to New York”, ein 7 Meter hohe Ungetüm aus Rädern,
Ölkanistern, Feuerlöschern, Badewannen, Flaschen und anderen
Alltagsgegenständen, dessen eingebauter Mechanismus sein
akribisch aufgebautes Kunstwerk in kaum einer halben Stunde
zerstörte. Die Überreste können noch heute im MoMA bewundert
werden. Tinguelys damalige Botschaft: Die permanente
Erneuerung durch Zerstörung. Der Ökonom Joseph Schumpeter
hätte ihm zugestimmt.
Ob Miro, Rauschenberg, Fontana, John Baldessari, Niki de Saint
Phalle oder Twombly, sie alle waren freiwillige oder unfreiwilliges
Opfer von Zerstörungsaktionen. Picasso meinte einmal: «Lenvie
de détruire est aussi une envie créatrice. »
Was Banksy aber gegen all seine Vorgänger auszeichnet ist, dass er
mit der Zerstörung eines eben versteigerten Werks das Herz des
Kunstmarktes traf, und damit museale Kanonisierung erlangte.
Tinguely Homage to New York 1960