Balthus - Die Gitarrenstunde
Ikone des Anstoßes schlechthi.
Die Gitarrenstundegilt bis heute als Ikone des Anstoßes schlechthin». Da
malt ein erotischer Provokateur mit selbst verliehenem Grafentitel ein 13-
jähriges halbnacktes Mädchen fast in Lebensgrße auf dem Schoß einer
sadistisch erscheinenden Musiklehrerin mit halbentblößter Brust, die der
Schülerin - quasi selbst wie eine Gitarre (oder Cello?) haltend - mit der rechten
Hand ihre Haare zerrt, und mit der linken Hand auf einen Innenschenkel nahe
ihres entblößten Geschlechts greift. Ist das bildgewordene Fantasie eines
pädophilen Erotomanen?
Nein, so einfach ist es nicht. Der polnisch-deutsch-französische Maler Balthasar
Klossowski (Balthus) erwähnte das Gemälde Ende 1933 gegenüber seiner
zukünftigen Frau, der Bernerin Antoinette de Watteville:
"Je prépare une nouvelle toile. Une toile plutôt féroce. Dois-je oser ten parler ? Si je ne
peux pas ten parler à toi - Cest une scène érotique. Mais comprends bien, cela na rien
de rigolo, rien de ces petites infamies usuelles que lon montre clandestinement en se
poussant du coude. Non, je veux déclamer au grand jour, avec sincérité et émotion, tout
le tragique palpitant dun drame de la chair, proclamer à grands cris les lois inébranlables
de linstinct. Revenir ainsi au contenu passionné dun art. Mort aux hypocrites !
Ce tableau représente une leçon de guitare, une jeune femme a donné une leçon de
guitare à une petite fille, après quoi elle continue à jouer de la guitare sur la petite fille.
Après avoir fait vibrer les cordes de linstrument, elle fait vibrer un corps"
Das sind klare Worte. Sie fallen unter den Begriff Freiheit der Kunst, was die
meisten Kritiker und Sittenwächter vergessen. Dem Künstler Balthus waren
letztere zeitlebens gleichgültig. Erst im Alter monierte er, dass "von Literatur
und Psychoanalyse beeinflusste Kritiker in meine Bilder Erotik, ja Perversität"
hineingedeutet hätten". Und weiter: "Ich verstehe wirklich nicht, warum die
Leute in allen Bildern von Mädchen immer gleich Lolitas sehen", sagte er 1996
etwa der New York Times. "Früher wollte ich schockieren. Heute langweilt mich
das", meinte er, der zeitlebens mit dem Vorwurf der pornografischen Malerei
konfrontiert war, einmal.
Die relativ großformatige Gitarrenstunde wurde erstmals 1934 in "Galerie
Pierre" in Paris ausgestellt und als derart gewagt empfunden, dass es nur
ausgesuchte Kunden im Hinterzimmer der Galerie sehen durften. Allerdings war
dies von Balthus so gewollt, denn er konzipierte die Show als
Skandalausstellung um Aufmerksamkeit zu lukrieren. Das gelang ihm, denn sein
Bild wurde bald eines seiner berühmtesten Werke. 1938 erfolgte seine
Ausstellung in der New Yorker Galerie Pierre Matisse (dem jüngeren Sohn von
Henri und nicht sein angeblicher Bruder, wie man oft liest). Eine weitere
Ausstellung folgte 1977, nachdem das Gemälde für den Transport in die USA
(angeblich) mit einem unverdächtigen Motiv abgedeckt (oder übermalt?)
wurde, um einer eventuellen Beschlagnahmung wegen Pornographie
zuvorzukommen. Nach der Ausstellung gab es Matisse der MoMA (als Leihgabe
oder Geschenk?) wo es bis 1983 im Depot blieb.
Als es dort die Museumspräsidentin und einflussreiche Spenderin
Blanchette Rockefeller sah, verlangte sie dass das Museum das Gemälde
unverzüglich zurückgebe. Es ging also wieder zurück zu Matisse, und wurde
von diesem an den US-Regisseur Mike Nichols verkauft. Danach wechselte
es ein dutzend Mal den Besitzer, bis es schliesslich in die Hände das
griechischen Reeders Stavros Niarchos fiel. Seit dessen Tod 1996 ist der
Aufenthalt des Gemäldes unbekannt.
Inzwischen ging die Zensur von Balthus Werken lustig weiter. Im April 2014
etwa sagte das Essener Museum Folkwang eine Ausstellung mit
Fotoarbeiten (Polaroids) des alternden Balthus ab, denn "es drohten
ungewollte juristische Konsequenzen". Dem vorausgegangen war eine
Debatte über Pädophilie in der Kunst. Vorauseilender Gehorsam also.
Als im Nov. 2017 das Metropolitan Museum in New York Balthus' Gemälde
Thérèse rêvant (1938) ausstellte, verlangten 12 000 Teilnehmer einer Online
Petition es abzuhängen oder besser zu kontextualisieren. Es verkläre
angeblich die Sexualisierung von Kindern“ (Das Bild zeigt ein träumendes
Mädchen in der Pubertät das ihre Augen fest verschlossen hält und ihre
Beine spreizt). Das Museum verwies jedoch auf die Freiheit der Kunst,
hängte das Bild nicht ab und ergänzte es auch nicht mit dem gewünschten
Täfelchen unter dem Bild.
So geht es auch.
Thérèse rêvant