Retrospektive über einen Skandalmaler: Balthus, der apollinisch-dionysische Maler verdrängter Triebe, erstmals zu Gast in Wien.
Tauchen Katzen auf in der Kunst, wird es unanständig. Denken wir gar nicht erst zurück bis ins Rokoko, denken wir an Manets nackte „Olympia“,
wo die Katze zu Füßen des liegenden Modells auch für das Letzte steht, das sie noch verdeckt –ihr Geschlecht. Was in der französischen
Umgangssprache mit „chat“ sogar dieselbe Bezeichnung teilt. Denken wir an Carolee Schneemanns Film „Fuses“, 1964, bei dem ihre Katze den Sex
zwischen ihr und ihrem Lebensgefährten beobachtet, stellvertretend für uns.
*Zeitlich dazwischen eingebettet findet im Paris der Zwischenkriegszeit die Selbstinszenierung eines Malers als „König der Katzen“ statt. „A
Portrait of His Majesty The King of Cats, painted by himself“ von 1935 hängt gleich am Beginn einer der spannendsten Wiener Ausstellungen des
Jahres im BA-Kunstforum. Balthus heißt dieser Gottseibeiuns kunsthistorischer Moralwächter. Vor allem die Polaroids, die der Greis in seinem
Schweizer Chalet, wo er 2001 starb, von einem teilweise halb nackten Mädchen (im Beisein der Mutter) machte, regten zuletzt auf. Er war die
letzten Jahrzehnte halb blind und auf solche Fotos angewiesen, um zu malen, was er immer gemalt hat –den noch unbewussten, spröden Eros
Halbwüchsiger (Frauen). So einfach ist das natürlich nicht, und für die bereits im römischen Quirinale gezeigte Wiener Ausstellung ist diese Not,
keines der provokanten, von halb Hollywood (Madonna!) gesammelten Gemälde ausgeliehen bekommen zu haben, ja vielleicht eine Tugend. So
ist man nicht abgelenkt von der eigenen reflexhaften Empörung, etwa vor der berühmten „Gitarrenstunde“ – einem nackten Mädchen, das über
dem Knie einer Lehrerin liegt, der Mutter wohl, und nach ihrer entblößten Brust hascht.
Extrem kontrolliert und beunruhigend: Hier gibt es keine dieser explizit auf Theorien von de Sade und Freud abzielenden Bilder. Zu sehen ist die
Spitze des Eisbergs, um im Freud'schen Jargon zu bleiben, in dem ein Eisberg unser Bewusstsein symbolisiert: Über dem Meer schwimmt das Ich,
die bewussten Anteile unseres Selbst, unter der Oberfläche das weit massivere Es, das Unbewusste, die Ängste, die Lust, die Triebe. Schon die
unglaublich distanzierte, an mittelalterlichen Fresken geschulte Malweise Balthus' kann als Meeresspiegel interpretiert werden, als eisige Scheide
zwischen Traum und Wirklichkeit. In einem Zustand der Starre, des Gefrorenseins zeigt Balthus auch seine Mädchen im Bildraum, der wie eine mit
bürgerlichen Versatzstücken ausgestattete Guckkastenbühne funktioniert. Alles hier ist gespickt mit kunsthistorischen, philosophischen,
psychologischen Anspielungen, zu interpretieren im Pariser Umfeld des 1908 in eine polnische Intellektuellenfamilie geborenen Malers, dessen
Ziehvater Rainer Maria Rilke, dessen Freund Antonin Artaud und dessen Bruder Pierre Klossowski, führender De-Sade-Theoretiker, war. Seine
Kunst ist apollinisch-dionysisch, äußerlich extrem kontrolliert, schön, beherrscht, innerlich beunruhigend, auf unser verdrängtes Verlangen nach
Tabubruch, Chaos, Sex, Gewalt etc. abzielend. Die Ausstellung zeigt schön, woraus Balthus –die ihm von Rilke verpasste Version von Balthasar –
seine Sprache, etwa die „Proportionselastizität“, wie Kuratorin Evelyn Benesch es nennt, extrahiert: aus „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll,
einem anderen „Mädchenversteher“, aus Kinderbüchern wie „Max und Moritz“ oder „Struwwelpeter“. Man folgt dem schon zu Lebzeiten
mythisch verehrten Maler durchs Leben (mit kindhaften Frauen an der Seite), sogar bis ins bisher unbekanntere bühnenbildnerische Werk.
Was ein wenig fehlt, ist das Spürbar-Machen des Umfelds von Balthus, der Faszination der damaligen Avantgarde (Surrealismus, magischer
Realismus) für die „dunkle Seite“, die vielleicht in Egon Schieles auch die eigene Sexualität ins Bild bringenden, geschlechtertechnisch noch
vergleichsweise ausgewogenen Werken ihren Anfang nahm. Tradiert aber wurde die existenzielle Erzählung unserer Verdrängungen aus
männlicher Perspektive, mit Bildern nackter, verfügbarer Mädchenkörper. Heute ergießt sie sich atemraubend unreflektiert über uns aus allen
Medienkanälen (Instagram, Model-Shows, ausgeschlachtetem Missbrauch, Kinderzwangsehen etc.). Das mag das doppelte Unbehagen erklären,
das man in einer Balthus-Ausstellung haben kann. Vivat „König der Katzen“!
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