Friedrich von Amerling Die Morgenländerin
Provenienzforschung ”light
Komischer Titel. Das dargestellte Mädchen ist keine Morgenländerin
sondern trägt lediglich ein türkisches Kleid. Diese Vereinnahmung des
Orients hat mit dem Gesinnungswandel in Europa zu tun. Während im
17. Jhdt der Orient noch ein gefürchtetes Feindbild war, wandelte es
sich im 18. Jahrhundert zu einer Mode, die sogar bis in die
europäischen Herrscherhäuser Einzug hielt. Im Orientalismus des 19.
Jhdt gab man sich dann ungebremst der Faszination des Fremden hin,
auch wenn man dabei den Orient voller Klischees und Stereotypen
sah, und den Orientalen Sinnlichkeit, Dekadenz und einen Hang zur
Ausschweifung unterstellte.
Von Amerlings Morgenländerin gibt mindestens drei Versionen, die
sehr ähnlich sind. Die erste kleinere entstand 1838, und gelangte in
den 70er Jahren über die Galerie Sanct Lucas Wien völlig legal in die
USA (The Cleveland Museum of Art). Die ein Jahr später (1839)
gemalte zweite Version hatte nicht dieses Glück: sie war im Besitz
eines jüdischen Sammlers der 1938 enteignet wurde, also Raubkunst.
Die dritte Version entstand 1854 und erschien in letzter Zeit mehrmals
auf dem Kunstmarkt (1992 bei Sotheby's; 2004 Christies um 20 000 $).
Darüber hinaus zirkulieren einige Kopien des Gemäldes.
1938
1939
Die beschämende Geschichte der zweiten Version begann in den
frühen 50er-Jahren: Die US-Armee übergab der Republik tausende
an diversen Orten geborgene Gegenstände, die enteignet wurden.
Hunderte davon wurden in der Kartause Mauerbach gelagert. Das
Denkmalamt, das in die Enteignungen involviert gewesen war,
sollte diese restituieren. Doch man zeigte wenig Eifer: Jahre
hinweg führte man", so die Provenienzforscherin Sophie Lillie,
penible Listen über Objekte, deren Eigentümer bekannt waren -
scheinbar ohne für sich die Verpflichtung abzuleiten, den
Informationen nachzugehen".
Und dann geschah das Unglaubliche. Vermutlich auf Druck des
Prsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde wurde die
Sammlung mehrheitlich in deren Besitz übertragen damit sie im
Rahmen der Mauerbach Aktionzu Geld gemacht werden konnte.
Dies geschah 1996 über das Auktionshaus Christiesin Wien.
Problem: die Sammlung wurde als "herrenloses Gut" versteigert.
Und dies trotz Kenntnis des Gegenteils der Behörden für viele
Werke. Im Nationalrat wurde sogar von einer "Benefizauktion"
gesprochen, denn aus dem Erlös sollten verarmte Holocaust-
Überlebende unterstützt werden.
1954
Die Auktion brachte einen Gesamterls von ber 155 Mio Schilling
ein, davon alleine die Morgenländerin 235 000. Dies war zwar ein
phnomenales Ergebnis fr die Entschdigung der Opfer des
Vlkermordes, vergessen wurde aber, dass die Besitzer vieler Werke
den Behörden entweder bekannt waren oder mit den damals
vorliegenden Daten leicht eruiert hätten werden können. Darunter
jene der Morgenländerin. Sie stammte aus der Sammlung des
Wiener Bankiers Richard Freund. Er wurde also zweimal enteignet.
Seither ist der Verbleib dieses Bildes unbekannt. Die Vorgangsweise
der ganzen Mauerbach Aktionwird heute als einer der größten
Skandale der Zweiten Republik bezeichnet. Skandal deswegen, weil
man es Aufgrund der von Christie's durchgeführten Auktion den
rechtmäßigen Eigentümern verunmöglichte, ihre Werke wieder
zurückzuerhalten. Über die Auktion war ihnen eine vermeintlich
blütenreine Weste verpasst worden, mit der sie nun durch den
Markt geistern können. Die Provenienz Mauerbach wurde so zu
einem Makel, der heute mehr denn je zu genauen Recherchen
verpflichtet.