Michelangelo (?) - Pietà di Ragusa
Fragen zur Authentizität und Provenienz
Das kleine auf Holz gemalte Gemälde zeigt die Mater Dolorosa mit dem
Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus. Seine
Zuordnung zu Michelangelo ist ungewiss. Eine sehr ähnliche Zeichnung
dieses Motivs existiert im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston,
deren Authentizität unbestritten ist (eine andere im Telyer Museum in
Haarlem ist es nicht). Michelangelo hatte sie seiner guten Bekannten
Vittoria Colonna, Lyrikerin und Markgräfin von Pescara, geschenkt.
Auffallend an den Bildern sind die zum Himmel aufgerichteten Arme
der Mutter Gottes, deren Ikonographie ungewöhnlich ist.
Noch ungewöhnlicher ist aber die Geschichte des Gemäldes. Bevor es
2009 wiederentdeckt wurde lag es über 27 Jahre hinter einem Sofa im
US-Bundesstaat New York. Als echter Michelangelo wäre es bis zu 300
Mio $ wert. Die Besitzer, eine deutschstämmige Familie in Buffalo
(Martin Kober) hatten jedoch weder Beweise für die Authentizität des
Bildes noch Angaben für dessen Provenienz. Einer der ersten
Kunstexperten, die sich mit dem Gemälde befassten, war der Italiener
Antonio Forcellino, Kenner von Michelangelo. Nach einjähriger
Recherche ist er von der Echtheit des Gemäldes überzeugt. Aus seinem
Buch (“The Lost Michelangelos” 2011) gehen folgende Etappen der
Provenienz hervor:
Zeichnung
Michelangelo schenkte neben obiger Zeichnung auch das Gemälde
seiner Bekannten Vittoria Colonna. Diese wandte sich nach dem Tode
ihres Mannes religiösen Themen der Reformation zu, und bekam dabei
Unterstützung vom englischen Kardinal Reginald Pole, Erzbischof von
Canterbury und Cousin von Henry VIII. Ihm hat sie angeblich das
Gemälde geschenkt. Als Reginald Pole 1558 starb, gelangte es nach
Ragusa (heute Dubrovnik) zum Priester Crisostomo Calvini, der 1564
zum dortigen Erzbischof ernannt wurde. Nach dessen Tod 1575 wurde
die Pietà von der wohlhabenden - und sehr katholischen - Familie
Gozzes gekauft, angeblich um die Schulden des Gottesmanns zu
bezahlen. Es blieb zumindest bis 1840 in deren Besitz.
Die Verbindung zu den Vorfahren von Martin Kober stellte sich wie
folgt heraus. Als die Gräfin Nicoletta Gozze, Witwe des letzten
Stammhalters der Familie Gozzi, den deutschen Protestanten (!)
Augustus von Lichtenberg in Ragusa (mit Dispens!) heiratete,
hinterliess sie ihm bei ihrem Tod 1847 die Pietà. Lichtenberg heiratete
danach die deutsche Baronesse Johanna von Lilien, welche nach
seinem Tod 1877 das Gemälde behielt und es einer Freundin ihrer
Mutter, einer gewissen Baroness Villani, verkaufte. Diese schickte es
zur Veräußerung 1883 in die USA, wo es ausgestellt wurde, u.a. 1885
in der Met, aber unverkauft blieb. 1901 überliess sie das Bild ihrer
Hofdame Gertrude Young, die es ihrerseits 1905 ihrem Schwager
Martin Jeejer in den Vereinigten Staaten überliess.
Letzterer war Martin Kobers Urgrossvater. In seiner Familie in
Rochester hing dann das Bild dann durch viele Jahre über dem
Kamin, und als es einmal vom Haken fiel, wurde es hinter die Couch
gestellt wo es verschwand und von Martin erst 2009 buchstäblich
"wiederentdeckt" wurde. Nach der Untersuchung durch Antonio
Forcellino und der Restauration wurde das Bild 2012 in Rom unter
viel Medienrummel ausgestellt.
Die Provenienz die Pietà aus Ragusa scheint also einigermaßen
geklärt zu sein, nicht aber ihre Authentizität. Dazu gab es 2016 die
erste wissenschaftliche Untersuchung. Eine dendrochronologische
Untersuchung des Maluntergrundes (Fichte) gab ein Entstehungsjahr
von nicht später als 1525, und eine Farbanalyse zeigte die
Verwendung von Tempera Grasso. Diese Ergebnisse sind zwar
konsistent mit einer Zuschreibung an Michelangelo (der bekanntlich
Ölfarben hasste), beweisen sie aber nicht.
Seither gibt es keine Neuigkeit. Das Gemälde ist derzeit vermutlich in
einem Banksafe.