Caravaggio - Christi Geburt mit den Heiligen
Laurentius und Franziskus
Digitale Kunstrettung
Das 1609 gemalte Bild hing bis 1969 im Oratorio di San Lorenzo, dem
Gebetshaus des Franziskanerkonvents, der Altstadt von Palermo. Die
Ordensgemeinschaft, die sich insbesondere um Armenbestattungen im
Stadtteil Kalsa von Palermo kümmerte, pflegte und verbreitete den Kult um
die Heiligen Franziskus und Laurentius. Das fast drei Meter hohe und zwei
Meter breite Leinwandbild zeigt links vom Neugeborenen den Hl. Laurentius,
gestützt auf einen Metallgriff, und rechts hinten den Hl. Franziskus in brauner
Kutte betend. Rechts vorne sitzt der glückliche Vater Josef in Rückenansicht.
Dazu kommt noch ein frommer Schäfer vertieft im Gespräch mit Josef, und
eine Kuh, und über dem Ganzen ein geflügelter Engel dessen flatterndes
Band die Aufschrift GLORIA IN ECCELSIS DEO trägt. Damit sind alle
Ingredienzien für dieses Motiv vereint. Für viele ist es Caravaggios bestes
Gemälde auf Sizilien.
Bis zu einer Oktobernacht des Jahres 1969 war es das auch. Da wurde es von
unbekannten Tätern fein säuberlich aus dem Rahmen geschnitten und
mitgenommen. Bis zum heutigen Tag ist es verschollen. Mittlerweile gehört
es zu den zehn meistgesuchten Kunstwerken der Welt.
Oratorio
Manche Anzeichen sprechen dafür dass es in den Händen der Sizilianischen Mafia
Cosa Nostra ist, dessen Boss Matteo Messina Denaro bis jetzt (2021) einer
Verhaftung entging, andere Anzeichen lassen vermuten dass es sich in der
ehemaligen Sowjetunion befindet, oder gar in Teile zerschnitten stückweise aus der
Schweiz verkauft wird/wurde. Sicher ist nur dass mit diesem Gemälde Caravaggios
eine der Inkunabeln der europäischen Kunstgeschichte verloren ging. Eine Kopie
war zwar 1627/28 von Cravaggios Zeitgenossen Paolo Geraci angefertigt worden,
sie kommt aber hinsichtlich Qualität nicht an das Original heran, wovon man sich
im Museo Civico Castello des Burgschlosses Castello Ursino in Catania selbst
überzeugen kann.
Nachdem das Gemälde des Oratorio auch nach einem halben Jahrhundert nicht
mehr wiedergefunden wurde, begann man daran zu denken es anhand von Fotos
aus Kunstarchiven zu rekonstruieren. Dazu kam ein neuartiges 3-D-Druckverfahren
des Unternehmens Factum Arte (Madrid, Bologna, Mailand, London) zum Einsatz.
Mittels aufwendiger Digitalisierung der alten Fotos die in den 60er-Jahren nicht
annähernd die heute Qualität oder Auflösung hatten, konnte eine digitale Kopie in
Photoshop angefertigt werden "ohne das Original anzufassen". Das aufwendige
Verfahren kostete 100.000 Euro und dauerte etwa fünf Monate. Eigentlich nicht
übertrieben, denn inzwischen werden bis zu 432 500 Dollar für Gemälde
ausgegeben, die mittels künstlicher Intelligenz produziert wurden.
Im Dezember 2015, also nach unserem Besuch 2012, wurde die digitalisierte
Geburt Christi von Caravaggio in Anwesenheit des italienischen Staatspräsidenten
Sergio Mattarella der Stadt Palermo übergeben.