Feininger-Die Lokomotive mit dem grossen Rad
Zu Anfang unseres Jahrhunderts galt Feininger als einer der begabtesten Karikaturisten in Berlin.
Er bekam sogar einen gut dotierten Exklusiv-Vertrag mit der Chicago Sunday Tribune, für die er
zwei Comic-Serien zeichnen sollte. Feininger befriedigte diese Art von Kunst jedoch nicht. Er
wollte nicht dazu verdammt sein, wie er einmal schrieb, ”in ewiger Travestie zu schaffen und zu
bilden”, er wollte als seriöser Künstler ernst genommen werden. 1906 wagte er dann privat und
künstlerisch einen Neubeginn. Welche Dynamik er dabei entfaltete, läßt sich in einem Brief an
seine neue Muse und Lebensgefährtin Julia Berg vom 2. September 1907 nachlesen: ” [...] Du
wirst ja sehen. Nicht umsonst fängt man mit 36 Jahren als vergnügter Greis an zu malen und
malt mit lokomotivartiger Leidenschaft 8-10 Stunden täglich. Aber mir dämmert eine Hoffnung
auf [...] wenn ich nur nicht vor übergroßer Lebensfreude überschnappe.” <BR>
Julia brachte ihn auch auf den Gedanken, sich mit Druckgraphik zu beschäftigen. Zu den ersten
sehenswerten Resultaten zählt die Lithographie einer alten, aber nichtsdestoweniger tüchtigen
Lokomotive namens Windspiel. Im Rahmen einer Schau der Berliner Sezession im Jahr 1910
stellte Feininger erstmals 43 Zeichnungen aus, unter welchen eine Serie von Lokomotiven
besonders auffiel. Einige von diesen Blättern radierte er, andere nahm er als Vorlage zu
Gemälden, so beispielsweise die Lokomotive mit dem großen Rad, von welcher er 1915 eine
zweite Fassung anfertigte. Feiningers großes Talent als Karikaturist wird auch hier ganz deutlich.
Liebevoll und keineswegs zynisch sind die allzu menschlichen Züge der pausierenden
Eisenbahner herausgehoben. Auf einem begrünten Bahndamm ist eine etwas altertümliche
Lokomotive zum Stehen gekommen. Der Lokführer mit einem schwarzen Zylinder auf dem Kopf,
sich wichtig nehmender Geste reguliert den Kesseldruck und zieht die Handbremse fest.
Unterhalb auf der Böschung ruhen sich bereits zwei Arbeiter aus und nehmen ein zweites
Frühstück ein. Ein dritter mit einer Stange über der Schulter gesellt sich mit einer Brotzeittasche
zu ihnen. Das gemütliche ’Ausschnaufen’ von Lok und Arbeitern animiert zum Schmunzeln.
1835 fuhr die erste Lokomotive in
Deutschland, der Adler
(Nachbau)