Böcklin - Die Toteninsel
Düstere Gedanken eines kranken Künstlers
Tod
Ein wahrlich gespenstisches Bild, noch dazu eines das
Böcklin in fünf Fassungen abwandelte. Die Basler
Urversion - und die fast zeitgleich erstellte zweite Version
aus dem Jahre 1880 - zeigen eine steinerne Insel mit hoch
aufragenden Zypressen, dessen in die Felsen gehauenen
Grabarchitekturen vom Mond beleuchtet sind und hell
aus der Dunkelheit strahlen. Die herrschende Stille wirkt
unheimlich: Kein Wind kräuselt die Wellen, die Zypressen
ragen bewegungslos in den nchtlichen Himmel. Der Insel
vorgelagert ist ein einsames Ruderboot mit einem
langhaarigen, zierlich wirkenden Fhrmann in
Rckenansicht. Dieser transportiert einen mysterisen, in
ein weisses Gewand gehllten Gast, der ihm und dem
Betrachter stehend den Rcken zukehrt. Vor dem Gast ist
ein mit einem weissen Tuch bedeckter Sarg aufgebahrt. Es
ist als ob in einem Horrorfilm Charon einen Toten ins
Jenseits begleitet. Die insgesamt 5 Fassungen der darauf
folgenden Jahre zeigen dasselbe Motiv.
Ein Vergleich der Bildversionen fördert interessante
Details zu Tage. Zunächst stellt man fest, dass sich die
Bildatmosphäre ändert. Während die ersten zwei
Fassungen noch düstere Nacht versinnbildlichen und an
einen Horrorfilm erinnern, sind die folgenden Fassungen
durch Dämmerlicht aufgehellt und wirken weniger
bedrohlich. Auch ist die Fahrtrichtung des Bootes in der
Urversion unklar. Der Fährmann sitzt und könnte die
Insel sowohl ansteuern als von ihr wegrudern. In den
späteren Versionen besteht diese Ambivalenz nicht. Der
Fährmann (oder die Fährfrau?) steht und steuert klar
auf die Insel zu.
Die Bilder werfen eine Reihe von Fragen auf: Welcher
Sinneswandel Böcklins liegt den Änderungen der
Bildatmosphäre zugrunde? Welche möglicherweise
natürliche Felslandschaft am Wasser war ihm ein
Vorbild, und welcher Anlass motivierte ihn sie zu malen?
Bei der Beantwortung dieser Fragen ist man auf
Hypothesen angewiesen, wobei Legendenbildungen bei
diesem Thema nicht verwunderlich sind.
5 Fassungen
Gesichert ist dass Böcklin die beiden ersten Versionen fast
zeitgleich im Alter von 52 Jahren in seinem Florentiner
Atelier malte, und für beide Auftraggeber hatte. Gesichert
ist auch die Abfolge der Arbeiten. Die Urversion wurde
vor der zweiten Version begonnen. Ob Böcklin erstere
vollständig beendet hatte als er letztere begann, ist
hingegen unsicher. Auftraggeber war die jung verwitwete
Frankfurterin Marie Berna (der nachmaligen Grfin von
Oriola), welche Böcklin im April 1880 in seinem
Florentiner Atelier besuchte. Als sie seinen Entwurf sah,
gab sie ihm den Auftrag ein "Bild zum Träumen" zu malen
(es befindet sich heute im Metropolitan Museum of Art).
Über den Anlass gehen die Meinungen auseinander.
Manche glauben Böcklin hätte die Anregung zum
Gemälde erst bei seiner Kur in Ischia 1880 erhalten, als er
dort das Castello Aragonese sah. Dies ist
unwahrscheinlich, denn er begann seine Kur erst nach
dem Beginn seiner Arbeit an der ersten. Wahrscheinlicher
ist, dass er die Anregung bei seinem Besuch auf Ischia im
Jahr davor (1879) erhielt. Dies würde auch im Einklang
mit der Aussage seines Schülers Friedrich Albert Schmidt
stehen, Böcklin hätte ihm gesagt der Anblick der Festung
habe ihn zum Bild motiviert.
Castello Aragonese
Toteninsel” Ischia
Verbürgt ist auch dass just zu dieser Zeit Bcklin begann
die ersten Anzeichen des Alters zu spren. Es machten sich
Gebrechen bemerkbar, die ihn ernsthaft beim Malen
behinderten und die schliesslich zu einer anhaltenden
Depression fhrten. Eine rheumatische Gelenkentzndung
hatte die rechte Schulter ergriffen, und seine Hand konnte
nur noch unter heftigen Schmerzen und mit grosser
Anstrengung den Pinsel fhren. Darüber verfiel er in eine
derartige Depression dass er daran dachte freiwillig aus
dem Leben zu scheiden. Dazu kam es nicht, denn er
verliess Florenz und fuhr zur Badekur nach Ischia zur
Linderung. Dass die Kur ein Erfolg war, könnte die hellere
Atmosphäre der späteren Versionen erklären.
Ischia übte auch auf andere Künstler grosse
Anziehungskraft aus, etwa auf Hans Purrmann oder
Eduard Bargheer, der dort (Forio dIschia) einige Jahre
lebte. Es ist ja wirklich ein schönes Fleckchen Erde.
Schließlich ist zu vermerken, dass Böcklins Gemälde auch
Musiker inspirierte. Sergej Rachmaninow etwa
komponierte seine Die Toteninsel op. 29, Sinfonische
Dichtung nach Böcklin, und Max Reger seine Vier
Tondichtungen nach Arnold Böcklin op. 128.
Krankheit/Leiden
von Künstlern
Forio