Als erzkatholischer und um das Wohl des Klerus besorgter Regent
erachtete dieser Nackheit ganz einfach als widerwärtig («répugnant»,
"disgusting"). Das hinderte ihn aber nicht daran, mit seiner lebenslustigen
Frau, einer Cousine von König Ludwig XIV drei Kinder zu zeugen.
Die Nacktheit in Masaccios "Vertreibung" wurde übrigens erst bei der
letzter Restauration 1990 wiederhergestellt. Bei deren Übermalung mit
Feigenblättern handelt es weniger um das Opfer eines "gewandelten
Kunstverständnisses", wie man öfters liest, sondern ganz einfach um
Zensur. Wenn jemand glaubt dies sei das Privileg der damaligen Zeit
gewesen, irrt. Zensuren von Nacktheit begleiten die Kunstgeschichte
schon seit es Nackte gibt, also von Beginn an. Deren Intensität hat aber,
zumindest in der westlichen Kultur, über die letzten Jahrhunderte nicht ab-
sondern eher zugenommen, angefangen von Berninis La carità (17 Jhdt),
über Goyas Maja nuda et vestida (18 Jhdt.), Manets Frühstück im Grünen
(19 Jhdt), Klimts Fakultätsbilder Modiglianis Nackte (20 Jhdt) bis hin in
modern Zeiten (21. Jhdt.), wie die Blockierung durch US-Zollbehörden von
Süskinds Roman Parfum mit Watteaus Umschlagbild zeigt. Sogar in sozialen
Netzwerken wie Facebook, kommt es weiterhin zu Blockierungen oder
zumindest zu einer Verpixelung (“floutage”) bei der Übermittlung von
Bildern alter Kunstwerke.
Warum ist schleierhaft. Wie und was bei Nacktheit wahrgenommen wird,
liegt ja ausschliesslich im Auge des Betrachters. Wer Nacktheit als Blöße
sieht –stellt sich selbst bloß.
Goya Maya