Masaccio - Die Vertreibung aus dem Paradies
Wer Nacktheit als Blöße sieht stellt sich selbst bloß
Das Fresko ist Teil eines Gemäldezyklus an den Wänden der Seitenkapelle
(Cappella Brancacci) in der Kirche Santa Maria del Carmine in Florenz. Von
manchen wird sie „Sixtinische Kapelle der Frührenaissance“ genannt. Die
dramatische Szene der "Entführung" zeigt einen Engel mit Schwert, der die
sündigen Adam und Eva durch die Pforten des Paradieses hinaustreibt. Die
biblische Schöpfungsgeschichte ist in dieser Hinsicht explizit: Erst
außerhalb der Paradiespforten erkannten Adam und Eva ihre Nacktheit,
und erst jenseits von Eden schämten sie sich dafür. Einzige Neuerung: die
Feigenblätter in der übermalten Version pflückten die Sünder nicht selbst
von irdischen Bäumen, sondern diese wurden ihnen zweieinhalb
Jahrhunderte später hinzugefügt.
Zunächst zur bewegten Entstehungsgeschichte des Bildes und seines
Schöpfers. In Auftrag gegeben wurden die Fresken 1425 vom
wohlhabenden Seidenhändler und Florentiner Botschafter in Ägypten,
Felice Brancacci. Auftragnehmer war der noch in der Spätgotik verhaftete
Masolino da Panicale. Er solle die Kapelle zum Ruhm und zum Seelenheil
der Brancaccis ausmalen, insbesondere mit Szenen aus dem Leben des
heiligen Petrus, des Namenspatrons von Felices Onkel Pietro.
Masolino stützte sich bei der Ausführung der Fresken auf seinen jungen
und begabten Schüler Masaccio ("Der Koloss"). Dieser beeinflusste seinen
Lehrer derartig entscheidend, dass ihm dieser die Ausarbeitung mancher
Teile völlig überließ, darunter die "Vertreibung". Insgesamt blieb der
Freskenzyklus jedoch zunächst unvollendet, da Masolino in Ungarn einen
Auftrag übernahm, und Masaccio nach Rom bestellt wurde, wo er nur 28-
jährig - vermutlich an der Pest - starb (1428). Kurz danach fiel der
Auftraggeber der Fresken Felice Brancacci bei der Herrscherfamilie Medici
in Ungnade. Er hatte an deren - nur kurz anhaltenden - Vertreibung (1433)
aus Florenz mitgewirkt, und musste nach deren Rückkehr selbst Florenz
verlassen (1436). Dies hatte Folgen für die Fresken: die Brüder des Klosters
entfernten das Fresko des Martyriums des hl. Petrus, und liessen in
anderen Fresken die darin dargestellte Mitglieder der Brancacci-Familie
übermalen. Mut sah auch damals anders aus. Masolino da Panicale starb
1447. Erst in den Jahren 1481-1483 wurden die Arbeiten von Filippino Lippi
wieder aufgenommen und die fehlenden Szenen fertiggestellt.
Zum vorliegenden Fresko. Besonders augenfällig ist Masaccios Darstellung
der Emotionen der entblößten, verzweifelten Menschen Adam und Eva.
Realistisch und perspektivisch, damit mit der spätgotischen Tradition
brechend, führte er den Stil Giottos fort. Das Fresko wurde aber nicht
deswegen zweieinhalb Jahrhunderte später Opfer einer Übermalung. Diese
erfolgte um 1680, wahrscheinlich im Auftrag von Cosimo III de’ Médici
(1642-1723), dem vorletzten bigotten Grossherzog der Toskana.
Als erzkatholischer und um das Wohl des Klerus besorgter Regent
erachtete dieser Nackheit ganz einfach als widerwärtig («répugnant»,
"disgusting"). Das hinderte ihn aber nicht daran, mit seiner lebenslustigen
Frau, einer Cousine von König Ludwig XIV drei Kinder zu zeugen.
Die Nacktheit in Masaccios "Vertreibung" wurde übrigens erst bei der
letzter Restauration 1990 wiederhergestellt. Bei deren Übermalung mit
Feigenblättern handelt es weniger um das Opfer eines "gewandelten
Kunstverständnisses", wie man öfters liest, sondern ganz einfach um
Zensur. Wenn jemand glaubt dies sei das Privileg der damaligen Zeit
gewesen, irrt. Zensuren von Nacktheit begleiten die Kunstgeschichte
schon seit es Nackte gibt, also von Beginn an. Deren Intensität hat aber,
zumindest in der westlichen Kultur, über die letzten Jahrhunderte nicht ab-
sondern eher zugenommen, angefangen von Berninis La carità (17 Jhdt),
über Goyas Maja nuda et vestida (18 Jhdt.), Manets Frühstück im Grünen
(19 Jhdt), Klimts Fakultätsbilder Modiglianis Nackte (20 Jhdt) bis hin in
modern Zeiten (21. Jhdt.), wie die Blockierung durch US-Zollbehörden von
Süskinds Roman Parfum mit Watteaus Umschlagbild zeigt. Sogar in sozialen
Netzwerken wie Facebook, kommt es weiterhin zu Blockierungen oder
zumindest zu einer Verpixelung (“floutage”) bei der Übermittlung von
Bildern alter Kunstwerke.
Warum ist schleierhaft. Wie und was bei Nacktheit wahrgenommen wird,
liegt ja ausschliesslich im Auge des Betrachters. Wer Nacktheit als Blöße
sieht stellt sich selbst bloß.
Goya Maya