Der Name verrät es : Ponte Vecchio ist die älteste Brücke von
Florenz über den Arno. Erbaut 1345 ist sie vor allem wegen der
vielen kleinen Geschäfte bekannt, deren Balkone und Fenster
über die Brücke hinausragen, und wegen dem Vasari-Korridor,
der es den damaligen Herrschern erlaubte ungesehen vom
Palazzo Vecchio zum Palazzo Pitti zu gelangen. Früher hatten auf
der Brücke vorwiegend Fischer, Schlächter und Gerber ihre
Läden (um ihren Dreck bequem in den Arno zu entsorgen), seit
Großherzog Ferdinando I. sind dort aber nur mehr Juwelier- und
Souvenirgeschäfte angesiedelt. Schön ist sie nicht die Brücke.
Auch in Florenz hat der zweite Weltkrieg schwere Wunden
geschlagen. Zwar ist das Zentrum der Stadt von Bombenangriffen
im wesentlichen verschont geblieben, doch haben die deutschen
Truppen im Rückzug verheerende Zerstörungen in der Nähe des
Flusses angerichtet. Alle Arnobrücken mit Ausnahme des Ponte
Vecchio wurden im August 1944 in die Luft gejagt.
Ponte Vecchio (Florenz)
Alte Gemälde widerlegen eine Legende
Vasari-Korridor
Sprengung der Ponte Santa Trinità 1944
Zur Geschichte der Brücke werden den Touristen zumindest
zwei Legenden aufgetischt:
Legende 1: Die drei großen, dreigeteilten, abgrundhässlichen
Fenster nach Westen hin (flussabwärts) am offenen Mittelteil
der Brücke seien 1938 anlässlich des Staatsbesuches Hitlers im
faschistischen Italien in das historische Mauerwerk des Vasari
Korridors gebrochen worden. So steht es in zahlreichen (auch
offiziellen) Führern, in denen suggeriert wird, dass dies dem
deutschen Gast einen weiten Panorama-Blick über den Arno
und die Stadt gestatten sollte: die Legende Hitlers Fenster
(Le finestre di Hitler» sul ponte Vecchio) war geboren.
Dass dies nicht stimmen kann, zeigen Fotoaufnahmen, die
1944 nach der Zerstörung der flussabwärts liegenden Ponte
Santa Trinità gemacht wurden. Keine Spur von den beiden
seitlichen 3-geteilten Fenstern, während das mittlere 3-
geteilte deutlich zu erkennen ist. Der Mann aus Braunau und
sein Gastgeber Benito mussten sich also mit diesem Fenster
begnügen. Es kommt aber noch schlimmer:
Ponte Vecchio (re) und Ponte Santa Trinità (li)
Vorne: zerstörte Ponte Santa Trinità, hinten Ponte Vecchio 1944
Ponte Vecchio 2019
Legende 1 (Fortsetzung): Das zentrale Fenster wurde
keineswegs aus Anlass des Besuchs aus dem Norden geschaffen.
Dies zeigt ein aufmerksames Studium von 2 Gemälden, eines
von William Holman Hunt aus dem Jahr 1867 und ein älteres
Gemälde von Canaletto aus dem 18. Jhdt. In Hunts Gemälde ist
das 3-geteilte Fenster in der Mitte klar zu erkennen, während es
im Canaletto Bild noch unangetastet ist. Es wurde als schon vor
1867 vergrössert und dreigeteilt.
Der Anlass der Fenstervergrösserung war vermutlich der
Staatsbesuch von Vittorio Emanuele II in der damaligen
Hauptstadt des Großherzogtums im April 1860, ein Monat
nachdem sich die Toskana per Volksentscheid dem Königreich
Sardinien-Piemont angeschlossen hatte. Teil der Feierlichkeiten
waren Feuerwerke, die auf der flussabwärts liegenden Ponte
Santa Trinità gezündet wurden, und denen der neue Monarch in
einer Art Loge im Vasari Korridor beiwohnte. Zu diesem Zweck,
so heißt es in der Quelle "wurde eine große Öffnung geschaffen,
deren Inneres wie ein prächtiger Saal wirkte, ganz mit roten
Stoffen ausgekleidet und von Kerzen beleuchtet, wie er war."
(Marco Ferri). Ende der Geschichte.
Ponte Vecchio (re) und Ponte Santa Trinità (li)
William Holman Hunt 1867
Canaletto 18 Jhdt.
Legende 2: Bei der Entscheidung, die Ponte Vecchio zu erhalten, habe
Hitler höchstpersönlich eine Rolle gespielt. Es wird suggeriert, dass ihn die
Brücke bei seinem Besuch 1938 (als ehemaliger Postkartenmaler) so
beeindruckt hat, dass er von ihrer Zerstörung absah.
Dieses G‘schichterl ist für einen Feldherrn, dem damals das Arnowasser
bis zum Mund stand, höchst unwahrscheinlich, und es gibt keinen Beweis
dafür. Tatsache ist, dass sich der deutsche Konsul Gerhard Wolf und sein
Schweizer Kollege Carlo Steinhauslin mit Erfolg für den Erhalt der Brücke
eingesetzt haben (siehe Gedenktafel für Wolf, Steinhauslin bekam keine).
Wie sie es schafften, bleibt ein tsel. Die Situation erinnert an den
Stephansdom in Wien, der in den letzten Kriegtagen 1945 von der
deutschen Wehrmacht hätte zerstört werden sollen, wobei sich ein
gewisser Hauptmann Klinkicht dem Befehl widersetzte (auch er bekam
eine Gedenktafel). Hitler wollte übrigens zur selben Zeit wie in Florenz
(Aug. 1944) auch in Paris sprengen (alle Seinebrücken und
Sehenswürdigkeiten, der wackere von Choltitz widersetzte sich jedoch).
Bleibt die Frage, wann und zu welchem Anlass der ‚Herrscherblickvom
Ponte Vecchio zu seiner heutigen Breite ‚demokratisiert’ wurde. Es muss
in der Nachkriegszeit gewesen sein… Ende der Legende. (KY Mai 2019)
Klinkicht Gedenktafel am S-Turm des
Stephansdoms (Wien)
Wolf Gedenktafel auf der Vecchio Brücke
Florenz Besuch
April 2019