154 Männerbüsten im Arkadenhof
Iris Andraschek - Der Muse reichts
Aus dem Schatten treten die, die keinen Namen haben“.
Das stimmt, aber welche Muse ist gemeint?
Mit "Der Muse reicht´s" gelang Iris Andraschek ein eindrucksvolles,
wenn auch weniger bekanntes Kunstwerk auf universitärem
Boden. Im Arkadenhof der Universität Wien platzierte die Hornerin
einen großen Schatten einer Frau in protestierender Haltung mit
geballter Faust zu Füßen der einzigen Frauenbüste im Hof, Kastalia.
Damit thematisiert sie das Geschlechterverhältnis an der
Universität, das auch jetzt (2020) noch immer unausgewogen ist.
Symptomatisch dafür ist die Ehrungspolitik hervorragender
Wissenschaftler: bis vor kurzem standen in den Bogengängen des
Arkadenhofs ausschliesslich Männer-Büsten (über 150), die unter
Ensembleschutz stehend unverrckbar sind, jedoch nur eine
einzige Gedenktafel für eine Frau, Marie von Ebner-Eschenbach
(1830-1916).
Die um 1900 entstandene Brunnenfigur der Kastalia war für
lange Zeit die einzige Frauendarstellung im Arkadenhof. Als
Quelle der Hüterin der Wahrheit und Weisheit war sie eine
Sehenswrdigkeit Wiens, welche die Weisheit jener Männer
zum Ausdruck brachte, deren Denkmäler sie umgeben. Der
Arkadenhof selbst stand im Bezug zum antiken Campo Santo,
einer Ruhmeshalleuniversitrer Tradition, wie sie der
Erbauer des Wiener Universittsgebudes Heinrich von Ferstel
geplant hatte. Der Arkadenhof des nach dem Vorbild des
Palazzo Farnese in Rom entworfene Bau im Renaissancestil des
Humanismus sollte dem Nachruhm ausgewhlter
Universittslehrer vorbehalten sein.
Hier hakt die Künstlerin ein, als sie ausrief: "Der Muse reichts
und das schon seit langem", und hinzufügte "Das
Spannungsverhältnis zwischen den Männer-Büsten und dieser
einzigen Frauendarstellung durch Kastalia hat mich besonders
interessiert. Umringt von den ganzen Männern thront inmitten
des Hofes eine einzige Frau: Kastalia, die Muse
Von der Symbolik her ist es ihr künstlerisch gelungen, den
Anspruch der Frauen auf Gleichbehandlung auf universitärem
Boden eindrucksvoll einzufordern.
Seit 2006 verweist der Schatten ihrer "Muse" auf den vorderen
Bodensteinen des Hofes auf die von der ffentlichen Erinnerung
ausgeschlossenen Wissenschaftlerinnen der Universitat Wien,
worauf auf der Text der - leider zu weit entfernt - angebrachten
Tafel Aus dem Schatten treten die, die keinen Namen haben
passend hinweist.
Warum aber der Titel "Der Muse reicht´s"? Kastalia war keine Muse
sondern eine Nymphe!
In der griechischen Mythologie sind die (olympischen) Musen neun
Schwestern, die vom griechischen Vatergott Zeus mit der
Quellgöttin Mnemosyne (Göttin der Erinnerung) gezeugt wurden..
Sie gesellten sich um Apoll, den Gott der schönen Künste, der sie
dirigierte und mit ihnen auf dem griechischen Berg Helikon dem
Zeus huldigte. Kastalia war nicht dabei, und von Diskrimination der
Frauen war nicht die Rede.
Die Vereinnahmung der Musen zur Durchsetzung von
Frauenrechten auf universitärem Gebiet ist unglücklich gewählt. Es
stimmt zwar dass manche Künstler-Musen von ihren «Herren» zu
Sklavinnen degradiert wurden, aber insgesamt hatten sie eine
angesehene Stellung in der Gesellschaft und benötigen keine Politik
der Gleichbehandlung mit Männern, so wie in der Wissenschaft.
Musen